Griechenland: SUP Abenteuer Kreta

15.12.2016 Dimitri Lehner - In der Mausefalle: Sonne, Strand, alles easy – der Paddle-Trip rund um West-Kreta sollte ganz entspannt werden, doch es kam anders. Aus einem soften Mini-Abenteuer wurde wider Willen eine Grenzerfahrung.

© Dimitri Lehner
Griechenland: SUP Abenteuer Kreta
Griechenland: SUP Abenteuer Kreta

Die Story ist eine Warnung. Sie zeigt, wie schnell du dich reinreiten kannst. Gerade war noch alles total witzig, doch jetzt ist nichts mehr witzig. Als wäre man mit Käsebrot und Karohemd zur Wandertour aufgebrochen und schwupps hängt man an den Fingerkuppen am Fels, mitten in der Eiger-Nordwand. Uns ist das passiert. Natürlich spielt da auch Pech eine Rolle und Leichtsinn und eine dicke Portion Naivität. Doch unsere Idee ist gut: Wir wollen um West-Kreta paddeln, von Chania nach Sfakia auf unseren Naish Inflatables. Den Sommer verlängern, während bei uns schon die Herbststürme das Leben verdunkeln, zelten am Strand mit Rotwein und Lagerfeuer, schnorcheln in türkisblauem Wasser – dieses Programm. Also alles ganz easy, eine softe Flucht aus dem Alltagsallerlei.

"Jetzt ist der Winter da!", sagt die Wirtin unserer Pension, eine gebeugte alte Frau mit ledriger Haut und gütigen Augen. "Scheiße", denke ich und gucke in den grauen Kreta-Himmel; dabei ist es doch erst Ende Oktober – heute wollen wir starten. Mein Bruder Laurin pumpt schon die Boards auf unten im kleinen Hafen von Kolampari, ich stecke die Carbonpaddel zusammen, schultere die Packsäcke. Der Wind pfeift über die Dächer, wühlt durch mein Haar, rauscht ablandig übers Wasser und zieht das Meer glatt wie ein Leintuch. Vor uns liegt eine Felszunge. Sie streckt sich 20 Kilometer nach Norden. Mit dem starken Rückenwind müssten wir das ruckzuck schaffen. Ich habe in unserem Zwei-Mann-Team das Sagen, denn ich kenne mich aus mit Meer, Wind und Wellen. Dass es bereits mit sechs Windstärken bläst, irritiert mich etwas, beunruhigt mich aber nicht. Denn das Internet hatte was von zwei bis drei gesagt. Wird schon, Alternativen gibt’s ohnehin keine: Wir wollen los!

Kaum aus der Uferabdeckung raus, drückt uns der Wind so kräftig in den Rücken, dass wir uns Nylon-Leinen an die Knöchel binden. Man weiß nie! Die Chance vom Brett zu fallen ist gering, doch wenn der Wind das Board erfasst, treibt es schneller ab als wir schwimmen können! Das Paddeln fällt leicht, so stark schiebt der Wind. Ich stehe ganz hinten auf dem Heck und immer wieder gerät das Board ins Gleiten, so dass ich laut juble und mit Schwung meinen Bruder überhole, bis der Wellenhang ihn anschiebt und er an mir vorbeirauscht. Die Boards hetzen mit schaumigen Bugwellen dahin. Stundenlang.

Es ist ein berauschendes Gefühl, wenn man nicht weiß, was passiert, sich aber fit fühlt, alle Herausforderungen zu meistern. Der diffuse Alltag verpufft, jetzt gibt es nur noch uns und das Meer. Alles, was wir brauchen, haben wir dabei. Wasserdicht verpackt in Säcken auf den Decks unserer Boards. Endlich unterwegs!

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Turbo-Antrieb: Der starke Rückenwind bläst uns nach Norden. Um die 20 Kilometer lange Felszunge müssen wir drum herum und hoffen, dass der Wind nachlässt.
Turbo-Antrieb: Der starke Rückenwind bläst uns nach Norden. Um die 20 Kilometer lange Felszunge müssen wir drum herum und hoffen, dass der Wind nachlässt.

Einzig die Felsenküste gibt Rätsel auf. "Also mit Anlanden ist hier nicht viel los!", sagt Laurin, als wir auf den Boards sitzen, die Beine im warmen Meer baumeln, dahintreiben und Kraftriegel mit Flaschenwasser runterspülen. Tatsächlich fällt das Ufer als massive Felswand lotrecht ins Meer. Vor uns taucht eine weite Bucht auf – wir werden sie queren, entscheide ich. Das zwingt uns weg vom Ufer, doch spart Zeit. Was ich nicht ahne: Hier dreht der Wind. Mitten in der Bucht bläst er plötzlich schräg von der Seite. Wir merken erst spät, dass wir den Kurs kaum halten können. Immer wieder presst der Wind die Boardnasen Richtung offenes Meer. Was jetzt?

Aus kraftvollem Paddeln wird krampfhaftes Paddeln. Laurin fällt zurück. "Mehr nach außen ziehen!", brülle ich ihm zu. Sinnlos, er versteht kein Wort im Windgeheule. Ich spanne die Muskeln an, beiße die Zähne zusammen, stemme die Beine auf die Boardkanten und paddle. Der Wind nutzt jede Schwäche aus. Einmal mit dem Paddel ausgerutscht, schon drängt der Bug aufs offene Meer und wertvolle Meter gehen verloren. Laurin hinkt jetzt bedrohlich weit zurück. Helfen kann ich nicht. Ich muss selbst alles geben – und tatsächlich: Ich erwische den letzten Felsbrocken am Ende der Bucht – dahinter lauert das große weite Meer. Puh: Glück gehabt! Unter einer Klippe warte ich ab und beobachte den Kampf des Bruders. Zuerst befürchte ich Schlimmstes, doch dann schafft er es her – "Bist du verrückt! Was war das denn?", ruft er und ich grinse nur tumb. "Ja, du Arsch, du grinst! Ich dachte, ich bin weg vom Fenster!" – "Ja, ich auch!"

Wir lachen beide hysterisch. Windstille! Wir befinden uns nun auf der Spitze der Landzunge, in Lee, paddeln an glatten Felswänden entlang, Klippen, die 150 Meter neben uns in den stürmischen Himmel ragen. Ausruhen vom Schreck. Wenn’s gut gegangen ist, ist’s immer witzig!

IN DER FALLE

So jetzt sind wir drüben auf der anderen Seite der Landzunge. Wir sehen das Kap. Wellenberge eilen vorbei und ziehen Gischtschleier hinter sich her, denn natürlich tost auch hier der Sturm und faucht an den Klippen entlang nach Norden. Ich wage den Versuch und paddle ums Eck. Wellen heben mich nach oben, kippen mich zur Seite. Ich falle auf die Knie, klammere mich ans Board, rühre wie wild mit dem Paddel im Wasser rum, nix wie zurück in den Windschutz der Klippe. Da sitzen wir nun, an der felsigen Spitze der Landzunge, gefangen im Sturm. Noch ist die Laune gut, denn wir haben hundert Meter entfernt eine kleine Höhle über einigen Felsbrocken entdeckt. Die einzige Stelle, um hier an Land zu krabbeln. Die Boards mit den Packsäcken aus dem Wasser zu kriegen, wird dennoch zum Eiertanz. Scharfe Felskanten, wohin man greift und tritt. Bitte, bitte jetzt keinen Mist bauen! Ich fürchte um die Gummihaut unserer Boards. Hier ein Leck? Ein Horror! Wir grinsen, geben uns High Five, als wir auf den Felsen sitzen und rauchen eine Entspannungszigarrette. Das ist doch, was wir wollen: Das Hintergrundrauschen im Kopf endlich mal übertönen durch Meeresbrausen, Zweifel und Karussell-Gedanken aushebeln durch einen Schuss Adrenalin. Später essen wir Salami-Brote und trinken Rotwein. Abgeschnitten von der Außenwelt – doch mit Style, wie wir finden.

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Unsere Rettung: die Felsenhöhle. Schutz gegen Regen und Sturm – solange die Brandung nicht steigt. Wer hier wohl schon alles geschlafen hat?
Unsere Rettung: die Felsenhöhle. Schutz gegen Regen und Sturm – solange die Brandung nicht steigt. Wer hier wohl schon alles geschlafen hat?

Aus unserem Felsloch sehen wir nur Himmel und Meer. "Ist doch ganz geil hier", sagt Laurin. "Was?!" Wir müssen uns anschreien, um uns zu verstehen. Denn die Klippen bündeln den Schall. Es grollt, faucht, heult, gluckst, schwappt, knallt, rumpelt. Ein Lärm, als würde uns ein Kieslaster die ganze Ladung vor die Füße kippen, während gleichzeitig ein Jet über unseren Köpfen startet. Ja, es ist cool hier – wenn nur der Wind einschliefe! Doch den Gefallen tut er uns nicht. Erst um 18 Uhr kriecht die Dämmerung übers Meer. Wir ziehen uns in die Höhle zurück, liegen in Schlafsäcken auf ausgewaschenem Steinboden. Schlafen kann ich nicht. Ich lausche stattdessen ins Dunkel. Nimmt die Brandung zu? Kann sie eigentlich nicht. Was wenn der Wind dreht? Dann drückt der Swell übers Steinriff zu uns in die Höhle. Nur das nicht! Wetterleuchten. Weit im Norden zucken Blitze. Gleisendes Disco-Licht, zu schnell für die Augen. Mit der Stirnlampe funzel ich zu den Boards da unten zwischen den Felsen. Alles scheint okay. Relax, bleib cool, alles ist in Ordnung! Wir sind hier sicher und trocken! Doch was, wenn der Sturm anhält – tagelang? Wie konnte ich nur dem Internet-Wetter glauben? Ich hatte immer nur Sommer im Sinn. Die Zweifel begleiten mich in den Schlaf. Handy-Empfang für den Notruf? Natürlich nicht! Action: ja, Überdosis: nein, danke.

Wolkenbruch mitten in der Nacht. Regen prasselt. Noch mehr Lärm. Gut, dass wir die Höhle haben! Alarm in den Morgenstunden – die Wellen drücken hoch, zerren an den Boards, pressen sie gegen die Felsen. Wir klettern raus, sind sofort klitschnass, bergen die Boards, verkeilen sie neu und ich bange um mögliche Lecks. Laurin ist da cooler. "Ist doch fettes Gummi!" Am nächsten Morgen steht unser Entschluss: Wir brechen aus! Dann der Schreck: Ein Board ist platt. Zittern, hoffen, pumpen. Wie groß ist das Leck? Wird das Board die Luft halten, bis wir raus sind aus dem Schlamassel? Wir hatten uns Action gewünscht, doch das ist jetzt zu viel des Guten. Ein Balance-Akt jagt den nächsten. Der Sturm hat das Meer aufgewühlt, es brodelt um die Felsen. Mal heben sich die Wogen bis fast zu uns, dann senken sie sich tief ab – dass wir hinunterschauen in den Meeresrachen. Laurins Unterhose hat er schon verschluckt und meine Wasserflaschen um ein Haar auch. Da hilft nur eins: Die Boards hinunterwerfen und hinterherspringen!

Übertreibe ich? Ihr hättet uns sehen sollen: Da balancieren wir mit unseren dünnen Flip-Flops auf messerscharfen Felsen, nur zwei Hände für Boards, Paddel und Packsack – vor uns das tosende Meer weiß wie Milch. Ich springe. Laurin wirft die Säcke nach. Alles auf mein Board gezerrt, später laden wir um und kentern beide. Purzelbaum ins Mittelmeer. Noch mehr Adrenalin. Noch mehr Spannung. Die Alles-Easy-Stimmung ist ausgeknipst, jetzt läuft das "Augen auf und durch!"-Programm.

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Wohin nur mit unseren Boards? Verkeilt zwischen Steinbrocken. Überall Felszacken und Korallen scharf wie Glasscherben. Bitte nicht kaputtgehen! Nicht hier! 
Wohin nur mit unseren Boards? Verkeilt zwischen Steinbrocken. Überall Felszacken und Korallen scharf wie Glasscherben. Bitte nicht kaputtgehen! Nicht hier! 

Am Kap sehen wir die Wellen anrollen. Kein Gedanke, hier stehend zu paddeln. Im Sitzen löffeln wir durchs Meer und der Wind faucht uns ins Gesicht. Doch wir kommen voran? Ich merke mir eine Felsspalte in der Uferklippe – langsam schieben wir uns vorbei. Auch hier: keine Chance irgendwo anzulanden. Verdammt, was für eine Küste ist dass denn? Kein Strand, keine Bucht, senkrechter Fels soweit das Auge reicht. Nur wir und die Wellen. Wenn sich die Dünung senkt, verschwindet Laurin im Blau. Wasser brandet über das Board, Gischtfahnen prasseln ins Gesicht. Langsam hangeln wir uns an der Küste entlang, von Felsnase zu Felsnase. Paddel eintauchen, durchziehen, eintauchen, durchziehen. Pausen gibt es keine. Immer weiter. Wir powern voran, sonst bläst uns der Sturm aufs offene Meer. Laurin hängt wieder hinterher. Verliert sein Board zu viel Luft? Ich warte und wir tauschen – bei dem Manöver fällt er rückwärts ins Wasser. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Nee, das Board ist hart. Danke dafür, wer auch immer zuständig! Hier zu zweit auf einem Board? Nicht daran zu denken! Nach Stunden verfinstert sich der Himmel – und öffnet seine Schleusen. Wasser oben, Wasser unten. Mit dem Regen kommt die Kälte. Gänsehaut, die Kiefer klappern, als endlich eine Bucht in den Felsen auftaucht. Eine Fata Morgana im Regendunst? Drei Stunden sind wir bereits unterwegs, beseelt von dem Wunsch: Wir wollen festen Boden unter den Füßen!

Nach Ewigkeiten liegt endlich ein Kiesstrand vorm Bug. Vorsicht beim Anlanden! Denn außer Geröllhängen gibt es hier nichts. Trotzdem fällt die Spannung von mir. Geschafft. Gleich an Land, gleich steht unser Zelt und wir liegen in den Schlafsäcken! Oh, wie fühlt sich das herrlich an: trocken drinnen, Regen draußen. Wir sind der Falle entwischt. Sofort kommt der Humor zurück. Wir scherzen über Laurins Rückwärtsrolle und mein Schreckgesicht, als ich das Leck bemerkte. Doch der Gedanke an ein gebrochenes Paddel lässt uns beide schaudern. "Da biste am Arsch!" Wir lachen, gluckern die letzte Flasche Rotwein und vespern Ölsardinen, während der Sturm am Zelt rüttelt.

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Besser mal den Proviant rationieren: Gurke und Salami in dünnen Scheibchen, Weißbrot und Rotwein. Die richtige Verpflegung ist unser kleinstes Problem.
Besser mal den Proviant rationieren: Gurke und Salami in dünnen Scheibchen, Weißbrot und Rotwein. Die richtige Verpflegung ist unser kleinstes Problem.

HERINGE FLIEGEN DURCH DIE LUFT

Über Nacht nimmt der Sturm weiter zu und das Meer faucht bedrohlicher denn je. Ob die Wellen bis zum Zelt schwappen? Ganz ohne Sorgen geht es anscheinend nicht. Laurin, die dunklen Haare in Strähnen im Gesicht, eingehüllt im Schlafsack, funzelt mit der Stirnlampe nach draußen. Regen stürmt, die Wellen krachen. "12 Uhr, Fels markant, noch trocken", witzelt Laurin in Militärjargon und wir kichern. Die Zeltplane knattert und die Böen drücken uns das Gestänge gegen die Schultern. Ich denke an die Felsenhöhle. Wie es da wohl jetzt aussieht?

"Unsere Tour können wir vergessen!", rufe ich Laurin zu, als ich morgens aus dem Zelt schaue. Der Wind hat 180 Grad gedreht und stürmt jetzt aus Nord. "Ach was?! Du Witzbold!" Wir starren beide in die Brandung, die der Wind über Nacht zu einer Zwei-Meter-Welle aufgetürmt hat. Wir lehnen uns nach vorne und ehe wir uns versehen, bläht der Wind das Zelt auf und reißt es los. Heringe klirren über die Kiesel, fliegen durch die Luft. "Scheiße!", wir fluchen und stürmen nach draußen. Jetzt muss es schnell gehen, sonst wird alles nass. Wir stopfen die Ortlieb-Säcke, pumpen Laurins leckes Board auf, kratzen Mut zusammen. Der Regen prasselt und dicke Brecher drücken zum Ufer, überschlagen sich – Krrraaaaaa-Wummmm – und umspülen als Gischtsuppe unsere Füße. An manchen Stellen schauen Felsen als schwarze Zacken aus dem Wasser. Da müssen wir durch, denn einen Landweg aus dieser Geröllwüste gibt es nicht. Also wieder raus aus der Komfortzone! Das schreckt, fühlt sich aber verdammt lebendig an. Leben im Jetzt! Wovon Esoteriker in Ratgebern faseln, gibt’s hier in Überdosis. Wie jetzt: raus durch die Brandung!

Als Windsurfer weiß ich: Timing ist alles bei Shorebreak. Und es gibt meist nur eine Chance. Mit Laurin gehe ich den geplanten Monte-Carlo-Start durch: das schwer beladenene Board in die Hüfte stemmen, Paddel in die Hand. Warten, bis sich das Meer für einen Moment beruhigt. Dann: Board ins Wasser, anschieben, aufspringen und volle Kraft voraus. Ich gebe Laurin das Go. Auch mir rast der Puls. Geht’s bei ihm schief, sitz auch ich in der Scheiße. Er bohrt sich mit seinem gelben Gummi-Board durch schwarze Wellen. Einige Mal reckt sich der Bug gefährlich in den Himmel, doch er schafft es durch die Brandung. Jetzt bin ich dran. Alles oder nichts! Auch ich boxe mich durch die Wellen, sehe im Augenwinkel, wie Laurin kentert. Das Board wälzt sich zur Seite, der schwere Packsack hängt nach unten. Oh nein, ich kann nichts tun, muss selber kämpfen. Doch er schafft es zurück aufs Brett. Jetzt paddeln wir beide gegen Wind und Wellen raus aus der kleinen Felsbucht, zurück in die große Bay. Hier draußen kocht das Meer. Sieben Windstärken. Doch der Wind kommt aus der richtigen Richtung: von hinten. Die letzten 15 Kilometer werden wir schaffen! Laurin ist durch seine Kenterung nass bis auf die Haut; ich bin trocken geblieben. In dem Sturm ist das Gold wert. Er bläst uns weit vom Ufer weg, rein in die weite Bucht von Kissamou. Bestie Mittelmeer, ich kann’s nicht glauben, wenn ich um mich schaue: graue Wellenberge, entfesselte Natur. Jetzt heißt es zusammenbleiben. Auf den Wellenhängen geraten die Boards ins Surfen. Das ist spaßig, schnell und tückisch. Denn bricht der Bug zur Seite aus, gerät das lange Board ins Stolpern. Hektisches Gegensteuern, Kurs halten um jeden Preis. Irgendwann hebt eine Welle mein Boardheck so hoch und bricht als Gischtwalze über mich zusammen – bevor ich reagieren kann, tauche ich unter Wasser. Kenterung. Jetzt bin auch ich patschnass und der Wind fährt kalt über die Haut. Doch das Land kommt näher – unsere Stimmung steigt. Nur noch ein Hindernis liegt vor uns: Wie sieht die Küste aus? Ist es Sandstrand? Ist es Fels? Finden wir gar einen kleinen Hafen, in den wir uns vor der Brandung flüchten können?

© Dimitri Lehner
Happy Landing: Nach drei Tagen Sturm, Hoffen und Bangen spuckt uns die Brandung an den Strand von Kissamos – nicht weit von unserem Startpunkt entfernt. Wie bitter!
Happy Landing: Nach drei Tagen Sturm, Hoffen und Bangen spuckt uns die Brandung an den Strand von Kissamos – nicht weit von unserem Startpunkt entfernt. Wie bitter!

LAND VORAUS!

Vom Wasser aus sehen wir nur einen hellen Streifen. Ich neige eigentlich nicht zur Dramatik und daheim auf dem Sofa mag einem die Situation softer vorkommen, doch im Hier und Jetzt, als Spielball der Wellenberge, mit Sturmrauschen in den Ohren und etwas mehr als einer Luftmatratze unter den Füßen, bin ich ziemlich beeindruckt. Auch unser finales Anladen passiert anders als gedacht. Der Plan: Welle anpaddeln und mit ihr bis zum Strand surfen – es ist Strand, so viel sehen wir bereits. Dass die Wellen hier allerdings so hoch und steil brechen, sehen wir erst im letzten Moment. "Das ist unsere Welle", schreie ich Laurin zu. Er paddelt neben mir und tatsächlich: Sie schiebt kräftig und wir surfen auf der gleichen Welle. Leider nur für einen kurzen Moment, denn die Welle bäumt sich immer steiler hinter uns auf. Mit voller Fahrt bohren sich die Brettspitzen ins Wasser. Ich katapultiere nach vorne und verschwinde im Wasser. Waschmaschine. Mal oben, mal unten. Laurins Boardnase prallt in meine Rippen, die Schnur schneidet ins Fußgelenk, kurz nach Luft schnappen, schon rollt der nächste Brecher ran und die Waschmaschine dreht sich von neuem. Wie nasse Ratten spuckt uns das Meer an den Strand. Elegant ist anders. Die Surfer-Ehre wird geknickt, doch egal, wir sind da!

In der letzten offenen Strandbar hört sich ein Grieche mit unrasiertem Kinn und kräftigen Armen unsere Story an. "Ich bin Fischer", sagt er "ich kenne das Kap. Da gibt’s fiese Strömungen. Wenn die nach außen drücken, habt ihr keine Chance – ihr zwei, ihr seid komplett verrückt!" Wir nicken, grinsen dumm und bestellen Cappuccino. Happy Landing!
Der Sturm hält an, die Mission: gescheitert. Statt auf eigenem Kiel fahren wir mit dem Mietwagen zur Südküste. Hier finden wir, was wir im Norden vergeblich suchten: den Sommer. Wir paddeln im spiegelglatten Wasser, cruisen die Küse entlang, schnorcheln in türkisgrünen Buchten, liegen in der Sonne – und finden das nun fast ein bisschen langweilig.

© Dimitri Lehner
Endlich Ruhe: An der Südküste finden wir die Buchten, von denen wir im wilden Norden nur träumen konnten. Doch das Happy Cruising ist jetzt fast ein bisschen langweilig.
Endlich Ruhe: An der Südküste finden wir die Buchten, von denen wir im wilden Norden nur träumen konnten. Doch das Happy Cruising ist jetzt fast ein bisschen langweilig.

Der Autor Dimitri Lehner (47) will die Tour noch einmal machen, doch dann mit sorgfältiger Wetterplanung
und gerne ohne Übernachtung in der Mausefalle.

© Dimitri Lehner
Dimitri Lehner
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