Frankreich: Cannes - Leichtwind-Revier für Stand Up Paddler

16.08.2016 Jean Souville - Die Filmfestspiele haben Standortvorteile: Im März kann die Sonne lachen wie im Sommer. Für die Reichen ist die Promistadt eine Perle in der Auster. Für Paddler ist der Reichtum die Schönheit der Natur. Jean Souville hat sich Abseits des Palais des Festivals und der Croisette ein Bild gemacht.

© Jean Souville
Frankreich: Cannes - Leichtwind-Revier für Stand Up Paddler
Frankreich: Cannes - Leichtwind-Revier für Stand Up Paddler

IN CANNES, UM CANNES, UM CANNES HERUM

Cannes, kennt jeder – zumindest aus dem Fernsehen: Filmfestspiele, Palmen, Glamour und Treff der Reichen. Aber stellt euch vor, ihr seid eine Möwe und fliegt kurz gen Westen. Dort ­fallen traumhaft schöne ockergelbe und rote Felsen ins Wasser und vermischen sich mit dem Blau der Côte d’Azur zu einem surrealistischen ­Farbenspiel. Wenige Flügelschläge nach Osten ragt das Cap d’Antibe in das Mittelmeer hinaus. Die immergrünen Pinienwälder suggerieren den unendlichen Sommer. Hier besitzen die reichsten Menschen dieser Erde Häuser. Na ja, und dann gibt es das betuchte Cannes, wie man es sich ­vorstellt: mit seinem Zentrum, seiner berühmte Palmenpromenade La ­Croisette, seinen Luxushotels, den Yachten und Ferraris – Nichtigkeiten in der Welt der Möwen und Stand-up-Paddler. Gäbe es da nicht auch die Lérins-Inseln, eine kleine Inselgruppe etwa fünf Kilometer vor der Küste von Cannes. Die Schönheit dieses Archipels hat bestimmt schon vielen Immobilienmaklern das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. Sie sind ­jedoch geschützt und ein absolutes Paradies für Paddler – und natürlich auch für Möwen.

DIE SONNE KANN'S IN CANNES

Cannes’ Stärke ist das Klima. Hier ist es immer mild. Kein Wunder, dass die Reichen und Schönen dieser Welt von dieser Stadt angezogen werden wie Mücken vom Licht. Im Winter bleiben die Temperaturen angenehm mild, aber auch der Sommer ist dank der erfrischenden Meeresbrise erträglich. Neben der Insel Korsika ist die Gegend rund um Cannes die mildeste Region Frankreichs. Die Alpen sind nicht weit entfernt, deshalb kann es im Frühling und Herbst zu Wolken­stau und heftigen Regengüssen kommen. Auch das ist ein Segen, denn so erfreut sich Cannes trotz des medi­terranen Klimas an üppigem Grün. Ein weitere Pluspunkt für Stand-up-Paddler: Aufgrund der geographischen Lage schafft es der starke Mistral oder die Tramontana nicht an diese Küste. Der Mangel an Wind hat zwar schon manch einheimischen Wind­surfer zur Verzweiflung gebracht. Doch vor allem im Winter schaffen es Südostwinde nach Cannes und machen das Wasser unruhig. Im Hochsommer sind es jedoch nur die vielen Yachten, die das Wasser aufwühlen. Wer große Touren entlang der Küste plant, sollte die Wetterentwicklung genau beobachten. Die Côte d’Azur ist kein Wald­see und zu größeren Wetterkapriolen imstande. Lokale ­Wettervorhersagen sind für SUP-Fahrer nicht unbedingt vertrauenswürdig, da selbst Sommerthermiken zwischen April und August (vor allem im Estérel-Gebirge) das ­Paddeln erschweren.

Ich könnte nun vorschlagen, eine nette SUP-Promenade entlang der Croisette zu machen, aber wer will schon ein Luxushotel nach dem anderen bewundern? Einige Kilometer östlich von Cannes kann man dagegen mit Leichtigkeit den Reichtum der Umgebung genießen: an der Halbinsel Cap d’Antibe. Auch wenn an der Spitze des Kaps kleine Strände rar werden, möchte man jede Bucht erkunden. Hier und da verrät eine pompöse ­Villa die Herkunft des Besitzers aus Showbiz, Finanz oder Sport, die wie wir ­Wassersportler die bezaubernde Natur und das Flair des Mittelmeers genießen. Der Unterschied: Wir bezahlen ­keine Millionen Euro für den Anblick – und für einen Paddelschlag lang sind wir mit unserer Freiheit sogar besser bedient, als jeder Star. Erhobenen Hauptes atmet man auch gerne das Flair der Bucht der Milliardäre (Baie des Milliardaires), wo die Blumenpracht auch für uns ungeniert ins Blau des Meeres taucht. Der beste Startpunkt für eine Tour der Milliar­däre ist der süße Strand "Plage des Ondes", erkennbar an dem kleinen Turm und dem feinsandigen Strand. An klaren Tagen kann man von hier aus sogar die Alpen bewundern.

CANNES NIX

Cannes, Nizza und Côte d’Azur sind magische Wörter in den Köpfen der Menschen. Und jeden Sommer verursacht diese Gehirnwäsche eine Masseninvasion. Die Côte d’Azur ist Opfer ihres Erfolgs. Die Verstädterung hat aus dem Idyll der 1950er Jahre eine proportional unverträgliche Entwicklung hervorgerufen: unschöne Wohnsiedlungen, Autobahnen, Massenverkehr und Verschmutzung. In ­Nizza kann man im Sommer kaum atmen. Das kleinste Stück Land an der Küste ist Gold wert. Alles wird verkauft, überall wird gebaut, spekuliert – auf Kosten der Natur und der eigent­lichen Schönheit, weswegen ja jeder hier leben oder Urlaub machen möchte. Die schlimmste Zeit ist der Hochsommer von Juli bis August, wo selbst das Refugium Wasser mit Yachten und Motorbooten ­verseucht ist. Die Region besitzt dennoch einen unwider­stehlichen Charme. Vor allem aber das Hinterland, fernab des Massentrubels, ist einen Besuch wert.

KANN CANNES RUHIG SEIN?

Ruhe und meditative Ausgelassenheit in Cannes? Dafür gibt es eine einfache Lösung – nur 50 Möwen­flügelschläge weit vom Zentrum entfernt: die Lérins-Inseln. Die erste Insel liegt einen Kilo­meter vom Festland entfernt. Wer dort hinüber paddeln möchte, sollte Sicherheits-Equipment (Leash, Ersatz­­paddel, Wasser etc.) dabei haben. Wer es gemütlicher angehen möchte, kann vom Hafen in Cannes aus mehrmals täglich auch mit kleinen Fährschiffen übersetzen, (iSUPs sind dafür optimal). Mein Herz schlägt für die etwas kleinere Insel Saint-Honorat. Man kann sie zu Fuß in fünf Minuten durchqueren. Das Kloster und die umliegenden Wein­felder sind überwältigend. Die Mönche, die hier leben, machen einen Wein, der über die Grenzen Frankreichs hinaus Bekanntheit erlangt hat – und über die Grenzen unsere Geldbeutel steigt. Schade – ich liebe Wein. Das Fort wacht schon ­einige tausend Jahre über die Bucht von Cannes. Zwischen Saint-Honorat und Sainte-Marguerite kann man genüsslich unter Pinien paddeln und durch ­karibisches Wasser schlitzen. Die größere Insel Sainte-Marguerite ist nicht so verträumt, aber abwechslungs­reicher. Hier gibt es Hotels und sogar einen kleinen See. Die Inseln sind nicht nur reich an Naturschönheiten und Geschichte, im Sommer wimmelt es nur so von Touristen. Daher bietet sich für Paddler die Nebensaison an, denn wir wissen: Die Sonne fühlt sich hier immer zu Hause.

© Jean Souville
Lérins-Insel Saint-Honorat wartet mit karibischem Wasser für SUP-Fans auf.
Lérins-Insel Saint-Honorat wartet mit karibischem Wasser für SUP-Fans auf.

ARMES CANNES

Wenn ich von Armut spreche, dann natürlich von Wellenarmut. Das Baskenland ist weit entfernt, und Cannes bleibt von den heftigsten Stürmen verschont. Dennoch kennen die Locals ihre Wellenreit-Spots, wo es vor allem im Winter mit dem SUP-Brett lustig werden kann. Die einzige Chance, Wellen zu erleben, ist, wenn die Dünung aus dem Südosten oder aus dem Osten anrollt. Der Rest ist pures Glück und statistisch wertlos. Große Wellen aus dem Süden kann man am Strand von Mandelieu erleben, ein bekannter Beachbreak der Wellenreiter. Bei Ostdünung kann der Strand Mouré Rouge im Osten von Cannes eine kleine Welle hervorrufen. Am Cap d’Antibe können aus vielen Richtungen Wellen brechen. Ein guter Einsteiger-Spot bei Südostdünung ist Croûton. Bekannter jedoch ist der Strand des Ondes. Die Wellen brechen links und rechts an den Felsen. Experten können bei Nordostdünung in La Garoupe eine etwas steilere Welle in Angriff nehmen. Für Könner sind die Lérins-Inseln ebenfalls eine Wahl. Und direkt vor dem Fort von Saint-Honorat ­brechen schöne Wellen für Stand-up-Paddler und Surfer. Achtung: An stürmischen Tagen kann es hier ­gefährlich werden. Aber wer nach Cannes kommt, der kommt nicht ­wegen der Wellen, sondern wegen der Filmstars, der Croisette, der Luxus­hotels, der Yachten und selbstverständlich wegen der Ferraris. Oder?

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