SUP & The City: Berlin

13.04.2018 Dirk Herpel - Flöße statt Gondeln, Berliner Schnauze statt venezianischem Flair, Salzmatjes statt Pizza und Pasta. Doch keine Angst, ein Besuch in der Berliner Fälschung ist nicht weniger aufregend als ein Ausflug ins italienische Original, vor allem mit dem SUP-Board.

© Klaas Voget
Canale Grande mal anders: Jede Menge Grün und kaum Verkehr. So lässt sich der Charme von Neu Venedig genießen.
Canale Grande mal anders: Jede Menge Grün und kaum Verkehr. So lässt sich der Charme von Neu Venedig genießen.

"Wollen Sie schwimmen?" Gute Frage, und ob ich will. Und Paulina und Klaas sind da sicher mit mir einer Meinung. Es ist zwar gerade mal kurz nach acht am Morgen, aber es herrschen schon locker 28 Grad. Wir schwitzen, und das in T-Shirt und Boardshort. Aber noch geht es nicht ins Wasser. Wir haben erstmal einen anderen Plan: "Nein, wir wollen zur SUP-Station." "Ach so, na dann gehen sie mal durch. Da vorne zum Steg." Am Ende des Stegs wartet links ein ansehnlicher Sprungturm auf Mutige. Rechs davon dümpeln verlassen einige für ostdeutsche Seen typische Motorflöße am Steg. Wohl noch etwas zu früh für Ausflügler. Direkt dahinter steht ein verschmitzt lächelnder John-Patrik und winkt uns zu. "Hier lässt es sich aushalten, wa", begrüßt er uns. Ja, hier lässt es sich aushalten. Vor allem an so einem unglaublichen Spätsommertag. Weit und breit keine Wolke am Himmel. Perfekte Bedingungen für einen lange geplanten Ausflug. Schon vor einiger Zeit hatte uns John-Patrik, der Hausherr der SUP-Station hier im Strandbad Friedrichshagen, in schillerndsten Farben von einem Besuch in Neu Venedig vorgeschwärmt. Zuerst haben wir ihn etwas belächelt, Neu Venedig in Berlin, da will uns wohl einer ganz ordentlich auf den Arm nehmen?  Doch Patricks Überzeugungskraft, gepaart mit unserer Neugier, hat schlussendlich gesiegt. Nun sind wir hier. Also los …

Titanic Light …

Während wir feste pumpen, platscht es hinter uns ein paar Mal ganz ordentlich. Alles klar, der Sprungturm ist zum Leben erwacht. Die ersten Kids strömen aufs Gelände. Ist heute nicht Schule? Naja, die Kids in Berlin sind sicher nicht auf den Mund gefallen, wenn es um eine passende Entschuldigung geht. Apropos Berlin, interessante Gegend hier rund um den Müggelsee, kann man nicht anders sagen. Wüsste ich es nicht besser, hätte ich aber sicher nicht auf Berlin getippt. Ich war zwar schon ein paar Mal in der Hauptstadt, doch als Tourist kennt man in erster Linie die Ecken rund ums Brandenburger Tor. O.k., die Straße auf der wir geparkt haben, schnurgerade rechts und links gesäumt von fetten alten Herrenhäusern, lässt Großstadt-Feeling aufkommen. Doch hier, nur ein paar hundert Meter entfernt, ist es grün, großzügig und entspannt. "So, also von mir aus kann es jetzt losgehen!" Aye, aye Käpt’n, die Mannschaft samt Ausrüstung geht an Board der Hoppetosse. Langsam kommt bei Paulina, Klaas und mir so ein bisschen Pippi-Langstrumpf-Abenteuer-Feeling auf. Während wir langsam, immer in der Fahrrinne, alles andere ist für Motorboote tabu,  einmal quer über den Müggelsee tuckern. Woher kenn ich noch mal das Bild, wie jemand vorne am Bug steht und die Hände ausbreitet? Klar: Keine Panik auf der Titanic! Bei dem Wetter sind Eisberge Mangelware. Bevor wir in die Müggelspree einbiegen, machen wir kurz halt in den "Bänken". Die weiten Wiesen und flachen, von Seerosen überwachsenen Ecken erinnern uns an unseren Ausflug in MC-Pom im letzten Jahr. Nach einer kurzen Abkühlung geht es weiter in die Müggelspree. Von der Nalani SUP-Sta­tion bis zur Einfahrt in die kleinen Kanäle von Neu Venedig sind es circa fünf Kilometer.

"So, hier muss ich euch rausschmeißen, unter der Brücke da vorne komme ich nicht mehr durch, wir sehen uns heute Abend an der Station!" Bye, bye Patrik, danke für den Lift, ab hier sind wir also auf uns allein gestellt. Wir paddeln über Kanal Nummer fünf  in die alte Gartensiedlung. Und schon nach den ersten Paddelmetern ist uns klar, der Berliner hat nur ein bisschen übertrieben. Der Name Neu Venedig ist nicht abwegig für dieses kleine Labyrinth aus Kanälen, nur ab und zu unterbrochen von ein paar Brücken und Abbiegungen. Links und rechts von uns wechseln sich picobello gepflegte Gärten mit wildüberwucherten Grundstücken ab. Bei einigen Neubauten wird geklotzt statt gekleckert: Mein Haus, mein Boot, mein Porsche, die Grundstückspreise nach der Wende sind hier sehr wahrscheinlich ruckzuck durch die Decke gegangen. "Tschuldigung, sind wir hier auf dem richtigen Weg zum Restaurant?" Während der ältere Herr im kleinen Boot uns keines Blickes würdigt, versucht uns seine Frau beim Vorbeifahren den Weg zu erklären. "Ja bis da vorne, dann...", hören wir noch und Schwupps sind die beiden um die nächste Kanalecke verschwunden. Also besonders freundlich sind sie hier nicht, die Berliner... Kann mir gut vorstellen, dass die Alteingesessenen mit den neu Zugezogenen hier nicht so viel am Hut haben. Zwei Kanäle und drei kleine Brücken weiter sehen wir die Ausflugskneipe, nach der wir gesucht haben. Sie heißt, wie auch sonst, Neu Venedig.

Gemeinschaft der Wasserfreunde

"Können Sie sich bitte ein T-Shirt überziehen?" Klar kommen wir der freundlichen Aufforderung der Kellnerin schnell nach. Obwohl wir nicht unbedingt damit gerechnet haben, dass hier im Garten, so ganz ohne andere Gäste, so viel Wert auf Etikette gelegt wird. Naja, die Gaststätte ist gleichzeitig der Sitz der Gemeinschaft der Wasserfreunde Neu Venedig e.V., gegründet 1933. Genau der richtige Ort, um ein biss­chen über die Entstehung dieser Siedlung zu erfahren. Schon 1925 fiel der Startschuss. Kanäle wurden durch die feuchten Wiesen der Müggelspree gebaut, um die Grundstücke zu entwässern. Es sollte ein Bebauungsgebiet für Wassersportler entstehen. Noch unter dem Namen Neu Kamerun entstanden fünf Kilometer Kanäle und sechs Inseln. Ein paar Brücken wurden gebaut, auch bogenförmige und da der gemeine Berliner immer schon alles andere als zurückhaltend ist, war der Name Neu Venedig ruckzuck geboren. Klang ja auch viel besser. Damals gingen die Grundstücke übrigens für 3,5 Reichsmark pro Quadratmeter weg. Tja, hätte das mal mein Urgroßvater gewusst. Hätte aber eh nicht viel genutzt. In DDR-Zeiten musste man schon ein hoher Funktionär der Partei sein, um hier eine Datscha, ein Wochenendhaus zu bekommen. Heute liegen, vor allem im Zentrum der Siedlung, einige Grundstücke verlassen da. Das liegt einerseits an unklaren Besitzverhältnissen, andererseits daran, dass hier kein festes Wohnen erlaubt ist. Im Falle eines Hochwassers könnte die Gegend geflutet werden. Das war es dann mit dem Häuschen.

© Klaas Voget
Auch dem Reiher gefällt es in Neu-Venedig.
Auch dem Reiher gefällt es in Neu-Venedig.

Sportliche Rückfahrt

Nach einer ordentlichen Stärkung geht unsere Expedition in die zweite Runde. Schließlich haben wir insgesamt 13 Brücken und sechs Kanäle zu entdecken. Verpaddeln kann man sich eigentlich nicht, das ganze Gebiet ist ringförmig angelegt und so kommt man immer wieder zum Ausgangspunkt zurück. Durch die, wie könnte sie anders heißen, Rialto-Brücke paddeln wir am Ende wieder zurück auf die Müggelspree. Hier ist schon mehr Verkehr, ab und an schippern auch mal ein paar ordentliche Motorboote längs und sorgen für Wellengang. Kurz vor dem Müggelsee kom- men wir am Restaurant "Neu Helgoland" vorbei. Ein kit-schiger Traum mit weißem Zaun und roten Tischdecken. Statt Kaffee und Kuchen springen wir lieber noch mal in den See, bevor wir ein kleines Rennen zurück zum Seebad in Friedrichshagen starten. Ich klemm mich hinter Paulina und Klaas. Draften ist ja wohl erlaubt. Nach dem langen Tag bin ich ganz froh, dass kein Gegenwind herrscht. Während wir mitten auf dem See sind, taucht die Sonne langsam ab. Ein riesiger roter Feuerball, der langsam über Ber-lin untergeht. Ein irres Bild. Schöner und kitschiger könnte das das italienische Original auch nicht hinbekommen …

© Klaas Voget
SUP & The City: Berlin
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© Stephan Gölnitz
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